Was sind eigentlich Faszien?

Aktualisiert: 22. Aug.


Die anatomische Entdeckung gegen Ende des 20. Jahrhunderts waren die Faszien. Dachte man Anfang des 21. Jahrhunderts, es ist alles im Körper beschrieben, überraschte Clara Stecco die Fachwelt mit ihrem Atlas des menschlichen Fasziensystems. Ein weiterer wichtiger „Mentor“ des Faszienapparats ist Dr. Robert Schleip, der medienwirksam die Erkenntnisse seiner Forschungen verbreitet und die Black Roll als neues Fitness-Gerät eingeführt hat. Heute gilt die Faszie als ein eigenes Organ, das lange noch nicht ausreichend erforscht ist.

Wirklich neu ist das Thema allerdings nicht. Bereits vor 130 Jahren zur Zeit von Andrew Taylor Still, dem Gründer der Osteopathie war die Anwesenheit und Wirkung von Faszien bekannt und es gab Techniken zur Behandlung von Faszien. Auch andere alternativen Therapien kennen die Faszien und viele Heilpraktiker nutzten Faszientechniken in der Schmerztherapie.

In der klassischen Medizin kam dieses Wissen allerdings nicht an. Ein Grund hierfür könnte sein, dass das Wissen über die menschliche Anatomie entscheidend von den Bildern geprägt wird, die in den Lehrbüchern gezeigt werden. Diese Bilder entstehen aus dem Wissen der Pathologen, die den toten menschlichen Körper aufschneiden und die Gewebe untersuchen. Da die Faszie überall im Körper vorkommt und so ziemlich alle Strukturen umgibt, galt sie bei Pathologen lange als lästiges Bindegewebe, das entfernt werden musste, um an die wirklich wichtigen Strukturen zu kommen. Erst die vom Fasziengewebe befreiten Präparate waren (und sind) die Basis für die Abbildungen der Anatomiebücher. – Wie soll etwas erforscht werden, das nicht sichtbar ist? Zudem wird die Faszie erst in Bewegung aktiv. Ein toter Körper steuert nicht mehr seine Faszie. Sie ist dann flach und nur als dünnes unschuldiges Häutchen zu erkennen.


Nun was ist die Faszie? Die Faszie ist eine großartige Erfindung der Natur. Sie besitzt elastische und kontraktile Elemente. Sie kann sich deshalb sehr weit dehnen aber auch zusammenziehen. Die Elemente bestehen aus Netzmaschen. Das Netz ist dreidimensional in Lagen angeordnet, die Lagen sind immer wieder untereinander verbunden. Je nach Bedarf sind die Netzmaschen größer oder kleiner, die Schichten können bei Strukturen, die einer großen Belastung ausgesetzt sind, sehr dick und kompakt sein, oder auch mikrometer-dünn. Sie umschließt und durchdringt alle Strukturen und ist das wesentliche Bindeglied zwischen den verschiedenen Organen, Muskel und Knochen im Körper. Man ist sich bis heute noch nicht schlüssig über den Sprachgebrauch. Gibt es nur eine Faszie, die vollständig den ganzen Körper durchwebt, so wie man von der Haut spricht, oder sollte man von vielen verschiedenen Faszien sprechen Faszie ist schwer zu zerreißen, egal wie dünn sie ist. Jeder, der schon mal ein rohes Stück Fleisch hergerichtet hat, kennt diese Eigenschaft der Faszien. Es sind die dünnen Häutchen, die man gerne vom Fleisch entfernt, denn sie ziehen sich beim Braten zusammen und machen das Fleisch zäh. Das Entfernen der Faszie ist mühsam, denn egal, in welche Richtung man die vernetzten Häutchen zieht, sie geben erst nach und dann reagieren sie mit einem Widerstand. Da sie nicht nur an der Oberfläche des Stücks Fleisch sind, sondern dreidimensional mit anderen Faszienschichten verbunden sind, kann man sie auch nicht einfach ausreißen. Nur das Messer hilft hier.


Warum beschreibe ich das so genau? Weil die Faszie das Gleiche im Körper macht. Die Armfaszie dehnt sich und gibt der Muskulatur Raum, wenn ich meinen Arm drehe, sie wird fest, wenn ich etwas zu mir ziehe und unterstützt damit die Muskulatur. Sie gibt der Muskulatur erst Struktur und hält die Muskulatur zusammen, wenn ein Turner an den Ringen seine Arme ausbreitet. Gäbe es die Faszie nicht, wäre jede Muskulatur nur ein armer Fleischhaufen. Und die Faszie ist omnipräsent, jedes Gewebe im Körper ist mit der Faszie durchzogen. Die Faszie ist neben dem Knochenskelett ein weiteres Stützelemente, mit der Eigenschaft viel beweglicher als die Knochen zu sein. Das Bild eines Segelschiffs gefällt mir gut: die Knochen entsprechen den Masten und dem Schiffsrumpf, starr, aber doch im gewissen Grad beweglich, die Faszie entspricht den Tauen und Segeln. Und so wie erst das Zusammenspiel zwischen Masten, Taue und Segel ein Schiff in Bewegung setzt, so brauchen wir für unsere körperlichen Bewegungen neben den Knochen und Muskeln auch das Fasziengewebe.


Aber die Faszie hat auch eine sehr wichtige Schutzfunktion: Unser Körper muss jederzeit wissen, wie er gerade im Raum verortet ist. Ist die Hand ausgestreckt? Sitze ich? Ist der Fuß angewinkelt oder gestreckt? Alle diese Informationen bekommt der Körper von den freien Nervenenden, die überall im Körper der Faszie zugeordnet sind. Wichtig dabei ist die Information über Überlastung bei Dehnung. Wenn man ein Gummiband zu arg spannt, reißt es. Alle unsere Strukturen im Körper haben eine gewisse Elastizität. Aber alle Elastizität hat ein Ende. Werden die Strukturen zu sehr gedehnt, reißen sie und der Körper nimmt echten Schaden. Ein prominentes Beispiel ist der nicht heilbare Muskelfaserriss. Damit das nicht passiert, hat die Faszie unzählige Dehnungsrezeptoren. Hier misst sie ständig, die Dehnung und gibt sie über die freien Nervenenden an das Nervensystem weiter. Damit es nicht zu einem Riss kommt, reagiert das Nervensystem schon frühzeitig mit Elastizitätsminderung der Faszie und Aktivierung der kontraktilen Elemente. Wir sind am Ende unseres gesunden Bewegungsradius angekommen. Werden die Strukturen aber weiter gedehnt kommt es zur Überlastung. Jetzt reagiert das Nervensystem mit Schmerzsignalen. Kurz gesagt: dehne ich meinen Arm so weit nach hinten, bis er schmerzt, heißt dies: Achtung du bist am Ende deines Aktionsradius, jetzt mach nicht mehr weiter, sonst machst du Dir etwas kaputt.


Die Fähigkeit sich zusammen zu ziehen, stellt die Faszie auch unserem Immunsystem zur Verfügung: Bei Verletzungen mit offenen Wunden gilt es eventuell eingedrungene Erreger daran zu hindern, tiefer in den Körper einzudringen. Gemeinsam mit den Venen und dem Lymphsystem verschießt die Faszie lokal alle Abflussmöglichkeiten. Jetzt können über die Arterien die Immunabwehr herbeieilen, um die eingekesselten Erreger an Ort und Stelle zu bekämpfen. Das Gewebe schwillt deshalb an. Wir kennen den Effekt als dicke, rote Beule, die bei Bewegung schmerzt, damit wir die Wunde stillhalten.


Neben der Stützfunktion stellt die Faszie also als eine Art omnipräsentes technisches Hilfswerk da, das super mit anderen Körpersystemen vernetzt ist. Im gesunden Körper fällt sie kaum auf. Bei Gefahr ist sie schon an Ort und Stelle, kann sofort reagieren - und führt dann gemeinsam dem Nerven- und Immunsystem Rettungsaktionen durch.


Leider können sich die Eigenschaften der Faszie uns das Leben zur Hölle machen. So omnipräsent wie sie im ganzen Körper vorhanden ist, so vielfältig und umfänglich können sie Ursache diverser Krankheiten sein und überall im Körper Schmerzsignale aussenden . Überreagiert die Warnfunktion der Faszie auf Überdehnung kommt es sogar im Ruhezustand zu enorme Schmerzen. Und macht eine Faszie, die durch ein Organ zieht dicht, können deren Funktion beeinträchtigen bis still gelegt werden, sodass Krankheiten entstehen. Drei Beispiele:

  • Eine wegen Fehlsteuerung vorgespannte Faszie schränkt mich enorm in meiner Bewegungsfreiheit ein und meldet sich viel zu früh mit Schmerzen. Der Sport kann nicht mehr schmerzfrei betrieben werden.

  • Bei inneren Organen kann sie zu Funktionseinschränkungen führen. So können Gallengänge eingeengt werden - mit gravierenden Folgen für die Verdauung.

  • Ein überaktives sympathischen Nervensystem macht die Faszie hart, mit der Konsequenz, dass ein gesteigertes Stresspotential Ursache für Rückenschmerzen sein kann.


Die gute Nachricht ist: Es gibt kein "zu spät" für die Behandlung von Faszien. Faszien können immer behandelt werden, selbst wenn das Leiden schon jahrelang besteht. Wie bereits erwähnt, ist die Behandlung von Faszie ein wesentlicher Therapieansatz in der Schmerztherapie und in der Osteopathie behandelt man innere Organe äußerst erfolgreich mit Faszientechniken.


Im nächsten Blog werde ich darauf näher eingehen, wenn die Faszie kränkelt? Welche Ursachen sind hierfür meines Erachtens verantwortlich und was kann man tun, um wieder zur Normalität zu gelangen?



Birgit Roppelt, Heilpraktikerin und Osteopathin aus Kolbermoor bei Rosenheim


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