Läsionsketten: Dominospiele im Körper

Aktualisiert: 24. Okt.



Therapieresistent? Warum therapeutische Maßnahmen manchmal nicht wirken


Kennt Ihr das? Ihr habt Schmerzen, z.B. einen schmerzenden Ellenbogen und geht deshalb zum Arzt. Der stellt eine eingerissene, entzündete Sehne fest. Er verschreibt Euch ein Schmerzmittel und schickt Euch zum Physiotherapeuten. Brav befolgt ihr die Anweisungen – nehmt die Medizin und absolviert tapfer die 6 bis 18 Physio-Termine. Langsam wird es etwas besser, aber sobald ihr wieder ins Training einsteigt und erneut eure Hanteln stemmt oder den Arm mehr belastet als üblich kommen die Schmerzen wieder zurück. Das Zipperlein geht einfach nicht mehr weg. Seid ihr zu unachtsam? Ist der Physiotherapeut inkompetent oder will sich der Arzt einen ewigen Patienten schaffen? Irgendwann resigniert ihr und akzeptiert das Problem als eine Folge des Älterwerdens.


Muss man das? Warum nutzen die Schmerzmittel, Trauningspausen und Physiostunden nicht?


Ein Grund könnte sein, dass es sich bei dem Tennisarm um das Ende einer Läsionskette handelt, und lediglich die Wirkung aber nicht die Ursache bekämpft wird. Eine Läsionskette ist so etwas wie eine unsichtbare Dominokette. Wir nehmen nur den letzten umgefallenen Dominostein wahr. Jeder Versuch diesen wieder aufzustellen scheitert, weil wir nicht bemerken, dass ein anderer Dominostein auf dem letzten Stein lastet.


Schauen wir uns einmal eine mögliche Läsionskette am Beispiel eines Tennisarms an:


1. Der rechte Ellenbogen schmerzt seit Wochen, Ruhigstellung geht nicht, da der Arm des Rechtshänders überall gebraucht wird. Grund für die Schmerzen ist die entzündete Sehne. Diese ist leicht eingerissen. Die Entzündung ist Teil des Heilungsvorgangs. Der wird aber immer wieder durch erneutes Traumen in Form eines überstarken Zugs an der Sehne konterkariert.


2. Der zu starken Zug kommt vom zugehörigen Muskel. Der ist überspannt. Jede etwas größere Bewegung wird deshalb an der Sehne und nicht am Muskel abgefangen. Dafür ist die Sehne nicht ausgelegt. – sie reißt immer wieder ein.


3. Der Muskel ist verhärtet, weil der Nerv, der diesen Muskel steuert, zu hohe Signale an seinen Muskel sendet und der Muskel deshalb zu stark kontrahiert.


4. Der Nerv sendet zu hohe Signale an den Muskel, weil er auf seinem Weg zum Muskel im Schulterbereich eingeklemmt wird.


5. Die Muskulatur im Schultergürtel wird unter anderem vom sympathischen Nervensystem gesteuert, von dem sich ein wesentlicher Anteil neben der Wirbelsäule befindet.


6. Im Bereich der Halswirbelsäule steht genau auf Höhe der Steuereinheit für die Brustmuskultur der Wirbel schief und klemmt die sympathische Steuereinheit ein. Dieses sendet deshalb wiederum überhöhte Signale an ihre Muskulatur, die befolgt den Befehl und zieht sich viel zu stark zusammen. – wir sprechen dann von einer verhärteten Muskulatur.


7. Der Halswirbel steht falsch, weil er eine Ungleichheit in der Statik ausgleicht, die von einer Abflachung des Fußgewölbes kommt. Die bewirkt, dass die rechte Hüfte nach unten gezogen wird und die untere Wirbelsäule einen Drall nach rechts bekommt, weil sie mit der Hüfte verbunden ist. Damit nicht die ganze Person nach rechts umfällt, wendet sich die Wirbelsäule durch Schiefstellung der Wirbel weiter oben nach links und im Hals nochmals nach rechts ab, indem sie den Halswirbel schief stellt.


8. Warum ist nun das Fußgewölbe abgeflacht? Ursache war ein Trauma vor ca. 5 Jahren bei einem Fußballspiel, bei dem ein Mitspieler ungut auf den Fuß unseres Patienten gelandet ist und dabei die Fußknöchel des Mittelfußes verkeilt wurden.


Der Läsionskette nützt es nun nichts, wenn wir über Schmerz- und Entzündungsmittel den Muskelsehnenansatz behandeln. Auch werden Massagen und Physiotherapie am Arm und im Schulterbereich nur kurzfristig Linderung bringen. Selbst die Geradestellung des Wirbels und die Aufrichtung der Hüfte ist nicht vom Erfolg gekrönt. Die eigentliche Ursache, die Fehlstellung am Fuß wird immer wieder die Läsionskette auslösen. Die einzige erfolgversprechende Behandlung ist die Primärläsion zu finden und zu beheben. Bei uns wäre das die Verhakung der Fußknöchelchen.


Aber wer denkt bei einem Tennisarm an den Fuß? Außerdem ist die geschilderte Läsionskette eine von unendlich vielen. Die Fehlstellung des Wirbels könnte genauso von einer übergroßen Leber kommen, die die Körpermitte nach rechts verlagert, genauso wie von einer Blinddarmnarbe, die die Faszienzüge stört oder von einem Sturz auf das Steißbein oder ….. - Jeder Patient ist anders und jeder kommt mit seiner eigenen Läsionsketten. Sie zu finden gleich dem Lösen eines sehr komplexen Rätsels und gehört zur hohen Schule der Osteopathie,


Wie findet man nun die Dominosteine im Läsionskettenspiel? Es ist eine Indiziensuche, aus denen man dann auf die Läsionsketten zurück schließen kann:

  • Eine Anamnese bis in die Kindheit ist unabdingbar. Was für Krankheiten hatte der Patient, die ggf. noch nachwirken. Gab es Unfälle, Operationen oder sonstige Traumen? Wie lange besteht das Problem schon, gab es einen Auslöser und wann tritt es verstärkt auf, wann verschwindet es?

  • Dann die „Sichtprüfung“ mit der Frage wo gibt es Abweichungen von der „Norm“. – Wie steht der Patient? Ist die eine Hüfte höher als die andere? Ist der Patient in sich gedreht? Wohin dreht der Kopf, wie stehen Schultern und Arme, gibt es auffällige Pigmentflecken, ungewohnte Ausbuchtungen etc.

  • Die dritte Stufe ist dann das Fühlen: Wo ist ungewohnte Spannung im Körper, gibt es Verhärtungen, stehen Wirbel schief…

  • Zuletzt die Funktionsprüfung: Wie lassen sich die Strukturen bewegen. In welche Richtung geht es einfach, und wo ist die Bewegung eingeschränkt. Wie ist die Eigenbewegung der Strukturen?

Wir suchen nach Anhaltspunkten und setzen anschiessen mit Hilfe der Erfahrung und der Logik der Anatomie die Dominosteine in eine Reihenfolge.

Es gibt einige Strukturen, die immer gerne bei dem Dominospiel dabei sind. Die Wirbelsäule ist so gut wie immer betroffen. Die Leber mischt gerne mit. Der Darm ist ein weiterer Kandidat, der mit seinen Aufhängungen das gesamte Abdomen in einen Ausnahmezustand bringen kann. Ausgehängte Hüften und Fußgelenke bringen die Statik durcheinander. Nicht zu unterschätzen sind die Nervensysteme und das Hormonsystem, die mit ihrer Befehlsgewalt ganze Systeme in die Knie zwingen können.


Es ist ein Glücksfall, wenn es dem Therapeuten auf Anhieb gelingt, eine Primärläsion zu finden. Er wird zuerst das behandeln, was für ihn offensichtlich ist. Zeigt die Behandlung aber nach einer gewissen Zeit keine Wirkung oder verschlechtert sich der Zustand wieder ist dies ein Indiz, dass eine Läsionskette vorliegt und man noch nicht am Ende der Dominoreihe angekommen ist, bzw. auf einem Nebenzweig der Dominokette behandelt hat.


Hat man die Primärläsion endlich gefunden und behoben, erfolgt die Heilung innerhalb kürzester Zeit. Die Knochen rücken wieder in ihren physiologischen Zustand, das Nervensystem beruhigt sich und die Muskulatur lässt nach.


Das Ziel einer jeden osteopathischen Behandlung ist erreicht: Der Patient erlangt wieder Freiheit und Kontrolle über seinen Körper.


Birgit Roppelt, Heilpraktikerin und Osteopathin aus Kolbermoor bei Rosenheim


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